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14.07.2010 - Bericht über die Kulturreise des Blindenapostolates vom 5. bis 12. Juni 2010 nach Friaul, Slowenien und Istrien

Samstag, 5. Juni 2010 – Abfahrt sowie San-Daniele-Schinken und Mosaikschule Spilimbergo

Am 05.06. startete in Südtirol eine 28köpfige Gruppe von blinden, sehbehinderten und sehenden Weltenbummlern zur diesjährigen Kulturreise des Blindenapostolates Südtirol. Die meisten waren untereinander bereits bekannt und schon oft gemeinsam auf Fahrt gewesen, aber auch das eine oder andere neue Gesicht war mit dabei. Ein ungewohnter Anblick war es, Mariedl, die Organisatorin unserer Reisen, im Rollstuhl zu sehen. Durch ihre unerschrockene Art - dieser haben wir es ja auch zu verdanken, dass Mariedl immer wieder die Mühe auf sich nimmt, eine Reise vorzubereiten und zu leiten - lies sie sich durch einen Beinbruch nicht davon abhalten, sich mit auf den Weg zu machen. Das Ziel in diesem Jahr war die Region Friaul-Julisch Venetien von wo wir auch nach Slowenien und Istrien ausschwärmten.
So brachte uns unser Buschauffeur Franz zunächst in Richtung Süden bis nach Trient und dann in die östlich gelegene Val Sugana. Unterwegs stieß unsere Reiseleiterin Antonella zu uns, und kurz vor Mittag erreichten wir San Daniele del Friuli, wo der bekannte, gleichnamige Schinken hergestellt wird. In einem Familienbetrieb erfuhren wir, wie die Schweineschlägel verarbeitet werden und dass sie unter wechselnden Temperatureinflüssen für 13 Monate luftgetrocknet werden, so dass der Schinken sein Aroma entwickeln kann. Schließlich konnten wir das wohlschmeckende Ergebnis des Verfahrens dann auch verkosten.
Nachmittags fuhren wir in das nahe gelegene Städtchen Spilimbergo wo wir die dortige, weltweit bekannte Mosaikschule besichtigten. Studentinnen führten uns vor, wie sie in einer dreijährigen Ausbildung lernen, aus kleinen Steinchen oder anderen Materialien und in Anwendung verschiedenster Techniken Kunstwerke mit den verblüffendsten Effekten herzustellen, die teilweise wie Gemälde wirken. Ein Rundgang durch die Altstadt und der Besuch des großen, gotischen Domes beschlossen unser Programm in der im Mittelalter sehr wichtigen Stadt.
Am späten Nachmittag erreichten wir unsere Unterkunft in Redipuglia, unweit von Monfalcone, wo wir die ganze Woche über untergebracht waren. Einige der Gruppe ließen es sich nicht nehmen, sich vor dem Abendessen im hauseigenen Schwimmbad zu erfrischen, was sie übrigens an den darauf folgenden Abenden öfters wiederholten.

Sonntag, 6. Juni 2010 – Triest, die altösterreichische Hafenstadt

Den nächsten Tag begannen wir mit dem Besuch der Sonntagsmesse in der modernen Wallfahrtskirche Maria Grisa. Von dem Ort auf 300 m Meereshöhe aus hatten wir einen schönen Blick auf das Meer und die Hafenstadt Triest, die zu besuchen wir an diesem Tag im Programm hatten. Triest ist mit 250.000 Einwohnern die kleinste Provinz Italiens, wobei 210.000 in der Stadt selber leben.
Zunächst fuhren wir zum Schloss Miramare, welches Mitte des 19. Jh. von Maximilian, dem Bruder des österreichischen Kaisers Franz Josef, erbaut worden ist. Das Schloss ist umgeben von einem 22 ha großen Park. Wir erreichten es nach einem Spaziergang dem Meeresufer entlang durch eine Allee von Steineichen. Die Räume von Maximilian sind alle mit sehr viel Holz gestaltet wie Täfelungen, Schnitzereien und Einlegearbeiten. Sie erinnern an das Innere eines Schiffes. Vom Schloss aus hat man stets Blick auf das Meer. Im ersten Stock besichtigten wir die Räumlichkeiten von Amadeo Duca d’Aosta. Dieser regierte nach der Angliederung der österreichischen Hafenstadt Triest an Italien nach dem Ersten Weltkrieg in der Gegend und bewohnte das Schloss von 1930 bis 1937.
Mittags picknickten wir an der Küstenstraße namens Barcola zwischen zahlreichen Sonnenhungrigen, die dort den freien Sonntag genossen. Später fuhren wir dann in die Altstadt zur San-Giusto-Basilika mit ihren schönen Mosaiken aus der Romanik. Einst waren hier zwei Gotteshäuser die zu einem einzigen vereint worden sind. Durch die engen Gassen des früheren Judengettos erreichten wir die Piazza della Unitá, den am Meer gelegenen Hauptplatz der Stadt. An den Gebäuden im altösterreichischen Stil war die einstige Zugehörigkeit zur Habsburger Monarchie gut ablesbar.

Montag, 7. Juni 2010 – Slowenien, ein grünes Land

Am Montag unternahmen wir einen Ausflug nach Slowenien. Dieses kleine Land hat zwei Millionen Einwohner und wird wegen seines Waldreichtums das „grüne Land“ genannt, wie unsere Reiseleiterin Helena erklärte. Zunächst ging unsere Fahrt durch eine karstige, mediterrane Landschaft und vorbei an kleinen Feldern, die abwechslungsreich mit den verschiedensten Arten von Getreide und Feldfrüchten bepflanzt waren, bis hinauf zu einem Pass. Dahinter begannen dann ausgedehnte Nadelwälder, die uns bis in das Becken von Lubiana hinunter begleiteten. Helena erzählte auch, dass die Slowenen, die im Südwesten des Landes leben, sich eher an Italien anlehnen und die anderen an Österreich, und dass viele als Zweitsprache jeweils italienisch bzw. deutsch beherrschen. Im Friaul gibt es übrigens eine slowenische Minderheit, die einen Bevölkerungsanteil von 8 Prozent ausmacht.
Lubiana, die Hauptstadt Sloweniens hat 250.000 Einwohner, ist Universitätsstadt und machte auf uns einen sehr geschäftigen und jugendlichen Eindruck. Wir bummelten durch die Fußgängerzone und über den Drei-Brücken-Platz bis zum barocken Dom, der dem Heiligen Nikolaus geweiht ist. Für die Mittagspause fuhren wir mit der Standseilbahn auf den Schlossberg wo wir Picknickten.
Am Nachmittag trafen wir im Wallfahrtsort Brezje die Verantwortliche für das slowenische Blindenapostolat Albina Krek. In der majestätischen Kirche gestaltete uns ihr Mitarbeiter Pater Leopold eine kurze Andacht. Später machten wir am Bledsee Kaffeepause. Einige wagten sogar in diesem azurblauen, von bewaldeten Hängen umgebenen Gebirgssee ein Bad. Die anderen spazierten am Seeufer entlang, fütterten Enten und Schwäne oder genossen die für die Gegend Typischen Cremeschnitte.

Dienstag, 8. Juni 2010 – Frühchristliche Spuren in Aquilea sowie Freizeit auf der Sonneninsel Grado

Der darauffolgende Tag war zweigeteilt, wobei der Vormittag der Kultur und der Nachmittag der Freizeit gewidmet waren. In Aquilea spazierten wir der so genannten Via Sacra entlang, einem parkähnlichen Gelände mit viel Grün und Zypressen, in dem die wenigen Überreste der Stadt aus der Römerzeit ausgestellt sind. Aquilea war ein wichtiges Handelszentrum und mit 100.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt des römischen Reiches. In der frühchristlichen Basilika bewunderten wir den 750 qm großen Mosaikfußboden aus dem 5. Jh. und ließen uns die dargestellte Symbolik erklären. Da er über Jahrhunderte verschüttet war ist er heute noch zu 90 Prozent original erhalten.
Anschließend fuhren wir über eine Dammstraße auf die nahegelegene Sonneninsel Grado. Hier verbrachten wir den freien Nachmittag je nach Geschmack am Strand, in einem luftigen Park nahe der Strandpromenade oder in den engen Gässchen der Altstadt.

Mittwoch, 9. Juni 2010 - Udine und Cividale, auf den Spuren der Venezianer sowie der Langobarden

Am Mittwoch führte uns unsere Fahrt in nördliche Richtung und durch leicht hügelige Landschaft in die knapp 100.000 Einwohner zählende Stadt Udine. Dort besuchten wir das Schmuckstück der Stadt, wie Antonella die Kapelle Oratorio della Puritá nannte, und anschließend den imposanten Dom aus dem 14 Jh., der später barockisiert worden ist. In beiden waren Fresken der venezianischen Maler Tiepolo, Vater und Sohn, aus dem 18. Jh. zu sehen. Diese sehr kunstvoll gestalteten Malereien zeichnen sich durch zahllose Details aus, so dass man dort viel Zeit verbringen könnte, um diese eingehend zu betrachten. In der Altstadt spazierten wir, vorbei an schönen Gebäuden mit Uhrtürmen im Venezianer Stil, vom Alten Marktplatz zum Neuen und weiter zum Weinmarktplatz. Die Straßennamen waren alle in italienischer sowie in friulanischer Sprache angeschrieben, die mit unserem Ladinischen verwand ist.
Den Nachmittag verbrachten wir in Cividale, einer mittelalterlichen Kleinstadt, in der die Langobarden ihr erstes Herzogtum in Italien errichtet hatten. Wir überquerten auf dem Ponte del Diavolo die tiefblauen Wasser des Natisone und wanderten dann über holpriges Kopfsteinpflaster hinauf zum kleinen langobardischen Tempel. Dieser wurde später als Ursulinenkloster genutzt. Hier waren Wandmalereien und Stuckaturen aus dem 8. Jh. sehenswert.
Auf dem Heimweg machte uns Antonella auf den, im Guiness-Buch der Rekorde eingetragenen, größten Stuhl der Welt aufmerksam, der bei Udine im Gelände eines Tischlereibetriebes ausgestellt ist. Er ist 20 m hoch und mit Südtiroler Holz angefertigt. Es entstand eine Diskussion darüber, wie viele Reisebusse unter der Sitzfläche geparkt werden könnten, und Franz lies an seiner Schätzung, es seien vier, nicht rütteln.

Donnerstag, 10. Juni 2010 – Porec, die kroatische Küstenstadt in Istrien

Ein Ausflug in die kroatische Küstenstadt Porec in Istrien stand auf dem Programm des darauffolgenden Tages. Nahe Triest erreichten wir den nicht einmal 50 km breiten Küstenabschnitt, durch den Slowenien Zugang zum Meer hat und den wir durchquerten. Bald darauf gelangten wir an die Grenze zu Kroatien. Ungewohnt waren für uns die Kontrollen, denen wir bei der Einreise in ein Nicht-EU-Land unterzogen worden sind. Unterwegs fiel unseren Begleitern die leuchtend rote, lehmige Erde in den Feldern auf, die charakteristisch für die Gegend ist.
In Porec empfing uns unser Reiseleiter Milo. Er erzählte uns von der wechselhaften Geschichte Istriens, das heute unter den Staaten Kroatien, Slowenien und Italien aufgeteilt ist. Dann führte er uns durch die Gassen der Stadt und in kleine Innenhöfe mit Zisternen, in denen die Bewohner von Porec früher ihr Vieh gehalten haben. Wir erreichten den von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärten Komplex der Euphrasius-Basilika aus dem 6. Jahrhundert mit reichen Mosaiken und frühchristlicher Taufkapelle.
Die Mittagszeit und den frühen Nachmittag verbrachten wir an einer Bucht außerhalb der Stadt, wo nach dem Picknick einige badeten und andere auf einem Stein am Ufer sitzend, die Füße im Wasser, dem Plätschern der Wellen zuhörten und über die kroatische Adria blickten.

Freitag, 11. Juni 2010 – Die Seele baumeln lassen im Karstgebiet sowie in der Lagune von Grado

Am Freitagvormittag besuchten wir das Weingut Castel Vecchio, das auf einem Hügel liegt, der die Form eines „Panetone“ hat, wie uns die Besitzerin Mirella erklärte. Sie begleitete uns durch das Gut und berichtete liebevoll von ihrem Reich, führte uns zur venezianischen Villa mit Fresken aus dem 16. Jh. und erzählte von der Ausstellung im Gedenken an den Dichter Giuseppe Ungaretti , die im Herbst auf dem parkähnlichen Gelände eingerichtet werden soll. Später zeigte uns ein Mitarbeiter den Weinkeller und erläuterte, dass sich der Weinberg am Nordhang des Hügels befindet, wo stets eine frische Priese weht, während am sonnigeren Südhang Olivenbäume gedeihen. Hier auf der Karst-Hochebene muss der steinige Boden vor dem Bepflanzen aufgegraben und mit fruchtbarerer, auch hier roter Erde, die sich in den Mulden sammelt, aufgefüllt werden. Mittags genossen wir schließlich die Produkte des Hauses sowie weitere Spezialitäten der Gegend, darunter der typische Wein Terrano.
Den Nachmittag verbrachten wir dann in der Lagune von Grado. Zunächst fuhren wir mit der Fähre zur Marienwallfahrtskirche auf der Insel Barbana. Der Weg durch das seichte Gewässer war gesäumt von Begrenzungspfosten im Wasser, und auf jeden von diesen hatte sich eine Möwe zum Rasten niedergelassen. Antonella erzählte uns, dass die Fischer von Grado jeweils am ersten Sonntag im Juli eine Wallfahrt mit Booten nach Barbana unternehmen.
Ein besonderes Erlebnis erwartete uns dann am späteren Nachmittag, nämlich eine Fahrt mit dem Segelboot „Fanatic“. Dieses 16 m lange Boot hat zweimal bei der bekannten Regatta Barcolana den ersten Platz erreicht. Der Skipper führte uns vor, wie das Segel gehisst wird oder wie das Navigieren funktioniert und erklärte uns die mit dem Segeln verbundenen Begriffe. Da es an diesem Nachmittag fast windstill war, glitt das Boot kaum merklich dahin, und Mariedl genoss es, sich ans Ruder zu setzen und eigenhändig eine Kurve auf dem Wasser zu drehen.

Samstag, 12. Juni 2010 – Abstecher nach Venedig und Heimfahrt

„Venedig sehen und heimfahren“ lautete das Motto am Samstag. So brachen wir am Morgen unsere Zelte in Redipuglia ab, wo wir zwar etwas abgeschieden untergebracht waren, wo wir aber fast allabendlich im Hotelgarten in froher Runde zusammengesessen sowie gesungen und gemeinsam zwei Hochzeitstage und einen Geburtstag gefeiert haben. Unsere Fahrt führte uns nach Punta Sabbione bei Iesolo und von dort mit der Fähre nach Venedig, wo wir uns ins Getümmel der Touristen stürzten. Unsere Begleiter waren hingerissen von der Schönheit des Markusplatzes sowie vom prachtvollen Inneren des Markusdoms. Mittags ließen wir uns in einer kleinen Trattoria ein köstliches Fischmenü munden. Anschließend machten wir uns auf zum letzten Abenteuer der Reise: In Gruppen zu fünf, sechs Personen kletterten wir in einige auf dem Wasser schaukelnden Gondeln und ließen uns eine runde durch die Kanäle der Lagunenstadt rudern.
Später dann auf der Rückfahrt nach Südtirol blickten wir dankbar auf die vergangenen, abwechslungsreichen Tage zurück. Dankbar waren wir für viele Erlebnisse und freudige Stunden in der Gemeinschaft sowie für empfangene Hilfe und den Einsatz vieler. Besonderer Dank wurde natürlich Mariedl ausgesprochen, die es ermöglicht hat, dass wir wieder ein neues Fleckchen Erde kennenlernen durften. Für sie kamen in diesem Jahr zu den gewöhnlichen Mühen noch die Schwierigkeiten dazu, die ihr Gipsbein mit sich brachten. Aber sie machte alles mit vorbildlichen Humor mit, vom holprigen Kopfsteinpflaster über unüberwindliche Stufen, die sie hier und da zum Draußen bleiben verurteilten bis zum wackeligen Einsteigen in Segelboote und andere Wassergefährte. In froher Laune trennten wir uns, erfreut darüber, dass unsere Träume für ein nächstes Reiseziel von Mariedl durchaus mit Interesse aufgenommen worden sind.

Gabi Bernard (Teilnehmerin)
I-39054 Oberbozen, Juni 2010